Christ:in und LGBT sein? Kirchenpolitik und Inklusivität – Rosemarie Wenner

Vorbemerkungen

Wenn wir über Christ:in-Sein und über Sexualität sprechen, berühren wir sehr persönliche Themen. Deshalb will ich mich ein wenig ausführlicher vorstellen, als ich es tun würde, wenn ich über methodistische Kirchengeschichte referieren würde. Ich bin 1955 geboren, in einer christlichen Familie in Süddeutschland aufgewachsen, schon von Kindesbeinen an in der methodistischen Kirche zuhause und „schon immer“ als Christin unterwegs. 1981 wurde ich zur Pastorin der Evangelisch-methodistischen Kirche ordiniert, seit 1983 bin ich mit meinem Mann verheiratet. Ich habe immer in Deutschland gelebt – und ich habe schon immer großes Interesse an allem, was in der Welt geschieht. Von 1996 bis 2017 war ich in kirchenleitenden Aufgaben tätig, zuerst als Superintendentin, dann als Bischöfin der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland. In diese Zeit fiel auch ein Turnus als Präsidentin des Bischofsrats der international strukturierten Evangelisch-methodistischen Kirche. Derzeit arbeite ich in meinem Ruhestand für den Weltrat Methodistischer Kirchen als Kontaktperson zum Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf. Insofern bin ich auch in die Vorbereitungen auf die Vollversammlung einbezogen, die vom 31.8. bis 8.9.2022 in Karlsruhe stattfinden wird. Dies wird die erste ÖRK-Vollversammlung sein, die ich miterleben werde.

Die Kirche, der ich angehöre, zersplittert sich gerade, weil etliche Menschen es nicht akzeptieren können, dass wir die wenigen Bibelstellen, die sich explizit mit Homosexualität beschäftigen, unterschiedlich interpretieren. Die Initiative zu dieser Trennung geht von evangelikal geprägten Methodist:innen in den USA aus. Als ich in kirchenleitender Verantwortung war, tat ich viel, um die Kirche über diesen Spannungen zusammenzuhalten. Ich war zugleich schon immer davon überzeugt, dass unterschiedliche sexuelle Orientierungen und Geschlechteridentitäten zur gottgewollten Vielfalt in der Schöpfung gehören. Alle Menschen sind in der Kirche willkommen und wir alle haben zu lernen, uns an der Sexualität als gute Gabe Gottes zu freuen und sie verantwortlich zu gestalten. Diese Überzeugung wurde durch eine Begegnung bekräfigt, die ich als junge Pastorin in den frühen 80 ger Jahren hatte. Eine Frau, die damals ab und an unsere Gottesdienste besuchte, bat mich um ein Gespräch. In der Kirchengemeinde, der sie angehört hatte, wurde sie gedrängt, ihr Lesbisch-sein zu überwinden. Sie hatte versucht, sich zu ändern, vergeblich. In einer Therapie lernte sie, sich selbst anzunehmen. Die

Therapeutin riet ihr auch zu einer seelsorglichen Begleitung. Da war nun diese Frau, tief gläubig, wie ich. Einem Menschen in Liebe zugetan, wie ich. Ohne vorher lange Studien betrieben zu haben, war mir klar: Sie ist Gottes Tochter – wie ich und sie gehört zum Leib Christi, ohne Wenn und Aber. Die Studien, die ich später ausführlich betrieb, bestärkten mich in dieser Sicht. In vielen Diskussionen zum Thema Kirche und Homosexualität nahm ich war, dass es oft die persönlichen Begegnungen sind, die uns herausfordern, überkommene Dogmen zu hinterfragen.

Nach dieser Zeitreise komme ich zum Thema dieses Impulses:

Christ:in und LGBT-sein – geht das innerhalb des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK)? Wie ist es mit der Kirchenpolitik? Wie gelingt Inklusion?

1. Was ist der ÖRK?

Zum ÖRK gehören ca. 350 Kirchen aus verschiedenen orthodoxen und protestantischen Kirchen in 120 Ländern. Es bestehen enge Kontakte zur Römisch-katholischen Kirchen und mittlerweile auch zu einigen pentekostalen Kirchen. In der Verfassung wird das Selbstverständnis so beschrieben:

Das Hauptziel der Gemeinschaft der Kirchen im Ökumenischen Rat besteht darin, einander zur sichtbaren Einheit in dem einen Glauben und der einen eucharistischen Gemeinschaft aufzurufen, die ihren Ausdruck im Gottesdienst und im gemeinsamen Leben in Christus findet, durch Zeugnis und Dienst an der Welt, und auf diese Einheit zuzugehen, damit die Welt glaube.

The primary purpose and vision of the fellowship of churches in the World Council of Churches is to call one another to visible unity in one faith and in one Eucharistic fellowship, expressed in worship and common life in Christ, through witness and service to the world, and to advance towards that unity in order that the world may believe.

Der ÖRK ist keine Überkirche, sondern eine Gemeinschaft von Kirchen, die sich gegenseitig herausfordern, zur sichtbaren Einheit unterwegs zu sein und den Glauben zu feiern und zu bezeugen. Der globale Kontext und die Tatsache, dass viele Konfessionsfamilien vertreten sind, ist Chance und Herausforderung zugleich.

Die Vollversammlung findet in der Regel alle 8 Jahre statt. Alle Mitgliedskirchen sowie befreundete Kirchen und kirchliche Werke, die mit dem ÖRK zusammenarbeiten, senden Delegierte bzw. Beobachter:innen. Die

Vollversammlung wählt das Präsidium und den Zentralausschuss und gibt Impulse für die Schwerpunkte der Arbeit in den nächsten Jahren.

Im Moment laufen die Vorbereitungen für die 11. Vollversammlung auf Hochtouren. Das Thema lautet: „Die Liebe Christi bewegt, versöhnt und eint die Welt“. Ca. 5000 Menschen werden in Karlsruhe erwartet.

2) Welchen Weg ging der ÖRK in Bezug auf Menschen, die der LGBTQI+ Community angehören?

Entstanden 1948 aus einer Bewegung, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts trotz oder wegen zweier Weltkriege das Verbindende zwischen den Kirchen der Welt stärken wollte, gehört der Einsatz für Gerechtigkeit zu den Anliegen des ÖRK. Schon die Vollversammlung in Neu Dehli 1961 stellte fest, dass die Kernfragen zu sexuellen Beziehungen vor dem Hintergrund der sich rasch ändernden Moralvorstellungen in verschiedenen Teilen der Welt untersucht werden müssten. Programmatische Arbeit zur Überwindung von HIV/Aids trug mit dazu bei, dass in Kirchen des globalen Südens über Sexualität gesprochen wurde. Bei der Vollversammlung 1998 in Harare rückte die Überwindung von Gewalt gegen Frauen in den Vordergrund. Der Bericht des Programmausschusses der letzten Vollversammlung in Busan 2013 enthält folgende Empfehlung: „Angesichts der polarisierenden Themen innerhalb der Kirchen kann der ÖRK als ein „Safe Space“ oder sicherer Raum fungieren, in dem man in für die Kirchen schwierigen Angelegenheiten in Dialog tritt und zu einer ethisch-moralischen Urteilsbildung kommt. Zu den Beispielen, die in dieser Versammlung verstärkt aufkamen, gehören Fragen des sozialen Geschlechts und der menschlichen Sexualität. In diesem sicheren Raum haben kontroverse Themen einen festen Platz auf der gemeinsamen Agenda, denn wir müssen immer daran denken, dass Toleranz allein nicht ausreicht, sondern dass Liebe und gegenseitiger Respekt den Ausgangspunkt bilden.“

(..the Programme Guidelines Committee made the following recommendation: Being aware of divisive issues among churches, the WCC can function as a safe space to enter into dialogue and moral discernment on matters which the churches find challenging. Examples which have been heard strongly in this assembly include questions of gender and human sexuality. Controversial issues have their place within that safe space on the common agenda, remembering that tolerance is not enough, but the baseline is love and mutual respect).

Nach Busan wurde eine Referenzgruppe zur menschlichen Sexualität eingerichtet, die schon 2019 ein umfangreiches Dokument vorlegte: Gespräche auf dem Pilgerweg – Einladung zur gemeinsamen Reise in Sachen menschliche Sexualität – Ein Hilfsmittel zur gedanklichen Vertiefung und zum Handeln. (Conversations on the Pilgrim Way Invitation to Journey Together on Matters of Human Sexuality A Resource for Reflection and Action).

Im Februar 2022 nahm der Zentralausschuss dieses Dokument entgegen, sodass es in Kürze als Arbeitsmittel zur Verfügung stehen wird.

Der ÖRK will sich also dahin bewegen, Gewalt zu überwinden, geschützte Räume für Gespräche über Sexualität aufzubauen und Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung darin zu unterstützen, Gottes gute Schöpfungsgabe verantwortungsvoll zu nutzen. Gleichzeitig ist auch im ÖRK eine zunehmende Polarisierung wahrnehmbar: Vertreter*innen aus westlichen Kirchen fordern volle Inklusion und klare Stellungnahmen für die Rechte von Menschen mit nicht-heterosexueller Orientierung. Solche Forderungen nach Veränderung kommen manchmal besserwisserisch rüber, zumal auch es auch in den USA (oder in Deutschland) Kirchen gibt, die praktizierte Homosexualität nicht für gutheißen. Stimmen aus dem globalen Süden verweisen darauf, dass in ihren Kirchen und in vielen Staaten Homosexualität keinesfalls akzeptiert werden kann. Delegierte aus Orthodoxen Kirchen sagen, dass diese Themen für sie nicht dran seien, da sie sich dem in ihrer Tradition begründeten Verständnis von der sakramentalen Gemeinschaft von Mann und Frau in der Ehe verpflichtet wissen. Christ:innen aus der LGBT Community werden quasi unsichtbar gemacht. Der ÖRK arbeitet mit einem Konsensmodell. Es gibt keine Kampfabstimmungen, wie ich sie aus der internationalen Evangelisch-methodistischen Kirche kenne. In Sitzungen des ÖRK fallen viele blaue Karten auf, sobald es um Homosexualität geht. Damit zeigen Delegierte, dass sie „nicht angewärmt“ sind für Gespräche über Geschlechtervielfalt und Inklusion. Oftmals endet damit das Gespräch, noch bevor der Versuch zu einem respektvollen Dialog unternommen werden kann.

3) Wie kann die ÖRK-Vollversammlung Schritte hin zu Inklusion gehen?

Innerhalb des Programms der Vollversammlung wird es unterschiedliche Orte geben, die zu besonderen Lernorten auf dem Weg hin zu Geschlechtergerechtigkeit werden könnten. Das beginnt mit den Vorversammlungen, eine davon für Frauen und Männer „Just Community of Women and Men“ (Gerechte Gemeinschaft von Frauen und Männern), eine andere für Jugendliche und Junge Erwachsene (bei den beiden weiteren

Vorversammlungen treffen sich Vertreter*innen von Indigenen Völkern und von dem Ökumenischen Netzwerk für Menschen mit Behinderungen). Diese Vorversammlungen eröffnen Räume, um sich unter einem spezifischen Blickwinkel auf die Vollversammlung vorzubereiten. Wer sich oftmals an den Rand gedrängt erlebt, sieht hoffentlich die Notwendigkeit, gemeinsam für Inklusion einzutreten. Die Tatsache, dass es diese Vorversammlungen gibt, kann aber auch als Begründung dienen, um in der eigentlichen Vollversammlung Fragen nach Geschlechtergerechtigkeit und Inklusion abzuhaken unter dem Vorwand: „Das wurde ja bereits bei der Vorversammlung besprochen…“

Die Bibeltexte, die an den Sitzungstagen in Gebetszeiten und Bibelarbeiten behandelt werden, sind Evangelientexte, die Jesus als Akteur für und mit Menschen zeigen, die zu Außenseiter*innen gemacht wurden. Die Bibel kann als Quelle zur Befreiung dienen, wenn wir es schaffen, ihren Missbrauch für den Erhalt eines ungerechten Status Quo als solchen aufzudecken. Ich hoffe, dass dies bei einigen der Bibelarbeiten und in anderen thematischen Einheiten geschehen kann. Es wird z.B. ein Plenum zum Thema Menschenwürde und Menschenrechte geben. Dazuhin gibt es eine thematische Gesprächsreihe zum Thema Gespräche auf dem Pilgerweg: Eine Einladung zur gemeinsamen Auseinandersetzung mit dem Thema menschliche Sexualität, von Mitgliedern der Referenzgruppe vorbereitet und geleitet. Auch die Kommission „Glaube und Kirchenverfassung“ (Faith and Order“) stellt Hilfsmittel zur Verfügung. Sie hat Studien zu Moralisch-ethischer Urteilsfindung durchgeführt und ausgewertet, die zur Verständigung beitragen können. Im Begegnungsbereich, BRUNNEN genannt, werden Workshops und Gesprächsmöglichkeiten angeboten. Nicht weit vom Kongresszentrum entfernt ist ein Begegnungsort: WOMEN; MEN; FAMILY; GENDER DIVERSITY. Die Begegnungsorte sind Teil des Programms der Vollversammlung, stehen aber inhaltlich nicht unter der Kontrolle des Programmausschusses und sind für alle Interessierten zugänglich, ohne Anmeldung und Kosten. Ich leite ein Vorbereitungsteam, zu dem einige Mitglieder der GLOBAL COALITION gehören. An diesem Begegnungsort gibt es zahlreiche Veranstaltungen, von internationalen Teams vorbereitet, die unterschiedliche Perspektiven zu den Themen Geschlechtergerechtigkeit und Gender Vielfalt einbringen. Es werden Themen wie „Menschliche Sexualität und Bibel“, „Männlichkeit in unterschiedlichen Traditionen und Kulturen“, „Stoppt die Gewalt gegen LGBTIQ+ Personen“, „Sind Kirchen sichere Orte für Menschen of Color und LGBT+ Personen?“ oder „„Geschaffen als Gottes Ebenbild – männlich und weiblich“. Geschlechtervielfalt in der Bibel“ zur Sprache kommen. Wir tun viel dafür, dass

wenigstens an diesem Begegnungsort ein Geschützter Raum für respektvollen Dialog gewährleistet ist. In den Richtlinien, die alle Mitwirkenden zu beachten haben, steht u.a.: „Lasst uns eine Sprache verwenden, die nicht ausschließt und Menschen unterschiedlicher Identität und Kultur wahrnimmt“; „Es ist nicht in Ordnung, sich selbst oder andere zu beschuldigen, zu beschämen oder anzugreifen“; „Aber es ist in Ordnung, unterschiedlicher Meinung zu sein“. ( Use language in a non-discriminatory way, include all people of diverse cultures and genders“; „“It’s not OK to blame, shame or attack ourselves or others“; „ It’s OK to disagree“. )

Wird dies alles zu mehr Inklusion beitragen? Ich schwanke zwischen Hoffnung und Befürchtungen. Die Polarisierung – auch inmitten des ÖRK – nahm in den letzten Jahren eher zu. Bei Online-Sitzungen ist es schwer, Vertrauen aufzubauen und Verbindendes zu entdecken. Der Krieg in der Ukraine verstärkt Spannungen zwischen Ost und West. Gleichzeitig gibt es aber immer mehr Stimmen – z.B. auch aus evangelikalen Gemeinschaften, die betonen, dass unterschiedliche Meinungen zu Homosexualität nicht kirchenspaltend sein müssen. Dass sich Menschen aus der LGBT Community klar und gleichzeitig sensibel angesichts unterschiedlicher kultureller und theologischer Prägungen in die Beratungen einbringen, ist für mich das größte Hoffnungszeichen. Gleichzeitig beschämt es mich auch, dass Menschen für sich selbst kämpfen und sich damit sehr verletzlich machen müssen.

Schluss:

Der Weg hin zu Geschlechtervielfalt ist mühsam und steinig. Mauern lassen sich nur schwer abtragen. Manchmal werden sie gar höher gebaut. In Karlsruhe wird es wahrscheinlich weniger weibliche und weniger jugendliche Delegierte geben als in Busan, allen Appellen und Beteuerungen zum Trotz. Die Bereitschaft, Tabus zu überwinden und Schuld und Versagen auch angesichts des Umgangs mit Frauen, Kindern und Menschen, die schwul, lesbisch, trans- oder bisexuell sind, zu bekennen, ist gering. Treue zur Tradition und Angst, eine Einheit der Kirchen zu gefährden, die auch in dogmatischen und ekklesiologischen Fragen noch lange nicht voll existiert, scheint vielen Delegierten wichtiger zu sein als die Offenheit für Geschwister und die Überwindung von Gewalt, die sich auch in Worten äußern kann. Dennoch halte ich daran fest, dass Christi Liebe Kraft hat. Jesus machte sich selbst verletzlich. Auch als Auferstandener weist er sich durch die Wundmale aus. Die Liebe, die er verkündete und verkörperte, wirkt kraftvoll fort, bis heute. Sie schafft echte Versöhnung- Heilwerden an Leib, Seele und Geist – und Einheit, die Unterschiede als Reichtum schätzt. Darauf vertraue ich.

1 Comment

  1. Alles, was unter Geist, Glaube oder auch Gnade läuft
    alle Menschen sind der unteilbaren Würde
    die Seele
    der Geist
    ist in uns nicht da draussen

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